Wer ist's? 04/2011
Er hat neun Symphonien komponiert. Seine zehnte blieb Fragment, als er im Alter von 50 Jahren an einer Herzerkrankung starb.
War er zu Beginn seiner Karriere eher als komponierender Dirigent angesehen worden, so feierte er ein Jahr vor seinem Tod triumphale Erfolge mit der Uraufführung seiner achten Symphonie. Während Richard Strauss und Max Reger unisono erklärt haben sollen, er sei „gar ka Komponist“ (dessen ungeachtet hat sich Strauss sehr für seine Musik eingesetzt), schuf ihm Thomas Mann mit seinen Romanfiguren Adrian Leverkühn und Gustav von Aschenbach literarische Denkmäler. Theodor W. Adorno widmete ihm eine eigene Monographie, die er gemäß ihrem Untertitel als „musikalische Physiognomik“ verstand. Insbesondere seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind seine Werke aus dem Konzertleben nicht mehr wegzudenken. Zentrale Bedeutung für die Musikgeschichte gewann seine Musik ab dieser Zeit außerdem, da sich zahlreiche jüngere Komponisten mit seinem Werk nun auch kompositorisch auseinandersetzten.
Aufgewachsen ist er im böhmischen Iglau. Nach dem Studium am Wiener Konservatorium begann seine Dirigentenkarriere. Im Alter von 30 Jahren kam er nach etlichen kleineren Stationen als erster Kapellmeister nach Hamburg. Dort war Bruno Walter sein Assistent, der später einer seiner bedeutendsten Interpreten werden sollte. Sechs Jahre später konvertierte er vom Judentum zum Katholizismus, um Leiter der Wiener Hofoper werden zu können. Dieser Schritt war für ihn kaum problematisch, da er keineswegs fromm im Sinne eines kodifizierten Glaubens war. Dennoch spielen religiöse Motive in seinem Werk eine sehr große Rolle, wovon etliche der vertonten Texte künden – wie etwa der Pfingsthymnus „veni creator spiritus“ im ersten Satz seiner erwähnten 8. Symphonie. Regelrechtes „Gottsucher-Pathos“ ist ihm gelegentlich attestiert worden.
Im Sommer 1907 gab er die exponierte Wiener Stellung im Alter von nun gerade 47 Jahren auf. Zum einen band diese seine Kräfte zu sehr und behinderte damit seine inzwischen erfolgreiche Komponistenkarriere. Zum anderen mischten sich in die lokale Kritik in der Zeit nach der Jahrhundertwende immer stärker antisemitische Töne, deren Zielscheibe er ungeachtet seines Religionswechsels wurde. Außerdem überschatteten persönliche Schicksalsschläge ab dieser Zeit die äußeren Erfolge - die ältere seiner beiden Töchter starb nach kurzer Krankheit und bei ihm selbst wurde eine Herzerkrankung diagnostiziert, die ihn zwang, seine Aktivitäten drastisch zu reduzieren. Die letzten Jahre verbrachte er zeitweise in den USA, wo er Engagements an der New Yorker Metropolitan Opera und den dortigen Philharmonikern übernahm. Auf dem Höhepunkt seines Ruhms angelangt, brachte ihn die Untreue seiner jungen Frau im Sommer 1910 an den Rand des Wahnsinns. Eintragungen in den Fragmenten seiner zehnten Symphonie geben von seinem damaligen Seelenzustand Zeugnis: „Der Teufel tanzt es mit mir / Wahnsinn, fass mich an, Verfluchten! vernichte mich / dass ich vergesse, dass ich bin! dass ich aufhöre zu sein!“ Und: „Für dich leben! Für dich sterben! Almschi!“
Sein Œuvre besteht im Wesentlichen aus Werken der Gattungen Symphonie und Lied, die er eigentümlich miteinander verband. Sein Liederzyklus Das Lied von der Erde trägt den bezeichnenden Untertitel: Symphonie für eine Alt- und eine Tenorstimme und großes Orchester. Teile seiner Lieder eines fahrenden Gesellen bzw. der Lieder nach Texten aus Des Knaben Wunderhorn gingen außerdem in seine frühen Symphonien ein. Für seine Orchestertechnik sind die großen Besetzungen kennzeichnend, die er auch aus damals exotischen Instrumenten zusammenstellte – und die ihm doch zumeist zu kammermusikalischen Wirkungen dienten. Auf der Suche nach stets neuen, charakteristischen Klangfarben nutzte er in der Nachtmusik II (Andante amoroso) seiner siebten Symphonie erstmals auch Gitarre und Mandoline. Auf beide war er mutmaßlich durch die Instrumentationslehre von Berlioz aufmerksam geworden, deren kommentierte Ausgabe ihm Strauss geschenkt hatte.
Auflösung
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