schriftzug-Bund deutscher Zupfmusiker - Verband Baden-Württemberg

Wer Ist's 2018-01

John CageNachdem Arnold Schönberg im Oktober 1933 in die USA emigriert war, lehrte er u.a. in Los Angeles Komposition. Die spätere Frage, ob er einen interessanten amerikanischen Schüler gehabt hätte, verneinte er zunächst. Dann jedoch, so wird berichtet, lächelte er und sagte: „Ja, da gab es einen“, nannte den gesuchten Namen und fügte hinzu: „Natürlich ist er kein Komponist, aber er ist ein Erfinder – der Genialität.“ Wie auch immer man dazu stehen mag – er war und ist wohl noch immer höchst umstritten, so mancher nannte ihn einen Scharlatan (Anm.: der Autor, würde er denn gefragt, würde sich [auch ungefragt] Schönberg anschließen) –, der Gesuchte war zweifellos der weltweit einflussreichste „Musik-Erfinder“, den die USA bislang hervorgebracht haben. Weniger, was einen konkreten kompositorischen Stil angeht, als die Art und Weise, wie wir Musik, geschweige denn die im weitesten Sinne Klänge unserer Umwelt wahrnehmen. 

Vor diesem Hintergrund bekannte er einmal: „Ich glaube, mein bestes Stück, zumindest das, was ich am liebsten mag, ist das stille Stück. Es hat drei Sätze, und in keinem dieser Sätze gibt es einen Ton. […] Ich habe geglaubt und gehofft, anderen Leuten das Gefühl vermittelt zu haben, dass die Geräusche ihrer Umwelt eine Musik erzeugen, die weitaus interessanter ist als die Musik, die man im Konzertsaal hört. […] Es gibt keine Stille. Das, was man als Stille empfand, war voller zufälliger Geräusche – was die Zuhörer nicht begriffen, weil sie kein Gehör dafür hatten.“ Die Erweiterung unseres Musikbegriffs um, nun ja, eben „Geräusche“ haben wir zu einem Gutteil also ihm zu verdanken. Was aber natürlich kein Freibrief für Pausen-Ignoranten ist … (Weitere Anm. des Verf.: In grauer Vorzeit fuhr ich mit einem rumpeligen Nahverkehrszug, an der Tür stehend, von Heidelberg nach Karlsruhe und dann mit dem ICE weiter nach Offenburg. Klanglich betrachtet war die Fahrt im Nahverkehrszug außerordentlich abwechslungsreich und interessant, die Fahrt im ICE wahrlich eintönig und öde.)

Ein weiteres gutes Beispiel für seine Weitung unseres Hör-Horizontes ist das präparierte, also mithilfe von Alltagsgegenständen hinsichtlich seiner Klanglichkeit manipulierte Klavier. Er hat es zwar nicht erfunden (das war sein anderer maßgeblicher Lehrer Henry Cowell), doch er führte es Anfang der 1940er-Jahre zur Perfektion, bot doch das Theater, in dem er Tanzaufführungen mit perkussiver Musik begleiten wollte, lediglich Platz für einen Flügel – ein erster großer Schritt zur Verklanglichung einer seiner zentralen Ansichten, nämlich dass „die Dinge nicht nur schön sein müssen“.

Weitaus radikaler im Aufbrechen unserer Hörgewohnheiten und zugleich im geradezu Ausschalten des Einflusses seines eigenen musikalischen Geschmacks auf das klangliche Ergebnis einer Komposition war „Imaginary Landscape No. 4“ (1951). Das Instrumentarium besteht aus zwölf Radios, deren Sender- und Lautstärkeregler von je zwei Spielern unter Leitung eines Dirigenten – eine Partitur regelt den formalen Verlauf – bedient werden. Eigentlich überflüssig zu sagen, dass jede Aufführung abhängig von Ort, Uhrzeit und verfügbaren Sendern anders klingt.

Diese Entpersönlichung seiner Werke, zu der ihm Cowell geraten hatte und die ja einem der Ziele konventioneller Komponisten, zu denen man hier sogar die Avantgarde zählen muss, nämlich einen eigenen, wiedererkennbaren Stil zu entwickeln, diametral entgegengesetzt ist, kultivierte er mithilfe von Zufallsoperationen. Sein Einfluss beschränkte sich also auf die Wahl des Verfahrens (vom Münzwurf bis zu den Hexagrammen des chinesischen „Buchs der Wandlungen“), das Ergebnis war – Zufall. So etwa bei dem 1961/62 entstandenen „Atlas Eclipticalis“, für dessen Komposition er Sternkarten benutzte. Das Werk kann „sowohl ganz wie auch teilweise beliebig lang von jedem beliebigen Ensemble aufgeführt werden, das […] aus einem Orchester mit 86 Stimmen für herkömmliche Instrumente und verschiedenartige, nicht näher spezifizierte Schlaginstrumente unbestimmter Tonhöhe ausgewählt wird“. Eine Folge davon ist natürlich, dass dem jeweiligen Interpreten innerhalb der vom Komponisten gesetzten Grenzen eine bis dahin unerreichte Freiheit, aber auch Verantwortung übertragen wird. Und bei kammermusikalisch bis orchestral besetzten Aufführungen ist mehr noch als in herkömmlich notierten Werken die musikalische Sozialkompetenz der Ausführenden gefragt.

Eine Herausforderung der besonderen Art, diesmal allerdings für ihn als einen der beteiligten Interpreten, war die von ihm 1963 initiierte, mehr als 19-stündige Uraufführung von Erik Saties Klavierstück „Vexations“ mit allen 840 Wiederholungen. Noch etwas länger allerdings wird die im September 2001 begonnene Aufführung seines „ASLSP“ (As slow as possible) für Orgel im sachsen-anhaltinischen Halberstadt dauern, nämlich sage und schreibe 639 Jahre.

Eine seiner größten Leidenschaften war übrigens die Mykologie – die Pilzkunde. Er war Gründer der Neuen Mykologischen Gesellschaft New York und lehrte etwa 1959 an der New School for Social Research in New York nicht nur experimentelle Komposition, sondern auch Pilzbestimmung. Und so nimmt es nicht Wunder, dass eine Pilzart, der nach Rettich schmeckende Zweifarbige Wasserkopf (Cortinarius …), nach ihm benannt ist.

Christopher Grafschmidt

 

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